12.5.04


Alte Menschen sollten nicht mehr reisen dürfen. In Korea gab es früher bis in die achtziger Jahre auf dem Land den Brauch, die alten Eltern, wenn sie zu einer Belastung wurden, huckepack auf die Berge zu tragen, ihnen eine Schüssel Reis vor die Nase zu setzen und sie dann auf dem Gipfel sich selbst zu überlassen. Inzwischen gibt es Hilfsorganisationen und kirchliche Einrichtungen, die die alten Leute von den Bergen wieder einsammeln oder ihnen altenheimähnlich eine Unterkunft anbieten können. Im Europa der Neuzeit werden alte Eltern vielleicht nicht auf Berge verfrachtet, wo sie unter freiem Himmel dann ihren Lebensatem aushauchen sollen, hierzulande übernimmt die Bahn die Rolle des Berges.

Wartenderweise stehe ich am Bahnhof und harre der Abfahrt des Zuges, die erst in einer halben Stunde erfolgen wird. Grüppchenweise stehen junge Familien herum, knutschende Pärchen, die sich weinend voneinander verabschieden. Plötzlich taucht ein Pulk von vier Leuten auf, unter ihnen eine dürre, zerbrechliche alte Frau. Zwei riesige Koffer werden vor der Zugtür abgestellt, die alte Dame wird in den Zug gehievt, die Koffer hinterher. Vier Menschen kommen, drei gehen - die alte Frau ist jetzt allein. Man mag sich denken: Sie fährt nach XY, um ihre Enkel zu besuchen. Ich vertrete mir unbesorgt noch ein wenig die Beine am Bahnsteig, es könnte ja eine längere Fahrt werden.

Die Frau steht noch immer direkt am Eingang, als ich zurückkomme. Ich steige zu ihr in den Zug. Der Geruch alter Menschen - Inkontinenzmaterial ist eben nicht immer absolut luft- und geruchsdicht - umweht sie. Da ich das von der Arbeit her gewohnt bin, schreckt mich das nicht davon ab, auch weiterhin nett zu lächeln, und ich frage sie, wo sie sitzt, ob ich ihr die Taschen zum Platz tragen kann. Sie scheint, mich nicht zu hören, kratzt stattdessen an der Zugtoilettentür. Ich versuche, ihr zu erklären, daß diese erst während der Fahrt geöffnet wird, also wenn wir den Bahnhof verlassen haben. Verzweiflung blitzt in ihren milchig-trüben Augen auf. "Aber ich bin doch hier zuhause." Tatsächlich? Erste Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Verfrachtungsaktion kommen in mir auf.

Der Schaffner kommt, scheint diese Situation zu kennen. Oder er wurde informiert. Er schnappt sich eine Tasche und geht in das angrenzende Abteil. Und kommt nicht wieder. Der Zug fährt an, die alte Frau geht aufs Klo, nachdem dieses aufgesperrt wurde. Und kommt die gesamte Fahrt über nicht mehr heraus. Die zweite Tasche steht noch immer am Gang, das Ganze wirkt auf mich unterschwellig dramatisch. Das scheint aber nur mir so zu gehen. Die Frau hat ein Ticket, das ist alles, was den Schaffner interessiert. Und so fährt sie vielleicht noch heute von A nach B. Ihr zuhause ist die Zugtoilette. Mich überkommt eine unbekannte Traurigkeit.

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