Bittere frühmorgendliche Erkenntnis: Ich bin einfach kein Morgenmensch. Natürlich ist sie wieder da, die anhaltende, altbekannte Schlaflosigkeit, die mich gefühlsmäßig in einen dicken Wattebausch einpackt, während das tobende Leben um mich herum weiter seinen üblichen Gang nimmt. Alles klingt so, als würde ich es durch eine dicke Wand hören; selbst eine Feder fühlt sich tonnenschwer und rauh wie Sandpapier an. Ab und an liege ich auf dem Bett, döse vor mich hin, nur um kurz darauf wieder aufzustehen und mein vor seiner Zeit gealtertes Antlitz zu betrachten. Ja, die ersten Falten, da sind sie. Ich begrüße sie und gebe jeder einzelnen von ihnen abscheuliche Namen.
Wie dem auch sei: In aller Frühe kreischt der Wecker neben meinen gerade erst im tiefen Schlummer abgestellten Ohren, reisst mich aus den zarten Anbandelversuchen mit den vollbusigen Musen der Träume. Völlig verwirrt, mit zerzottelten Haaren und Bartstoppeln, die andere als solche vielleicht nicht identifizieren würden, die für meine Verhältnisse fast schon samsonische Länge erreicht haben, öffne ich die Augen gefühlsmäßig mit einem Stemmeisen, torkle durch die Wohneinheit, wo ich schlaftrunken mein Colgate-Lächeln auf Vordermann bringe. Der Weg hinunter zum Fahrrad ist gekennzeichnet von Umziehversuchen im Lift, weil ich tatsächlich sämtliche Oberbekleidung auf links (So sagt nennt man das doch...) übergestreift habe. Morgendliche Jogger und zur Straßenbahn schleichende Rentner auf dem Weg in den Supermarkt werden von mir gnadenlos abgeräumt und landen im Straßengraben oder den Hecken, die zwischen den Jägerzaunlatten hindurchsticht, während ich, leise Schnarchgeräusche von mir gebend, in Richtung Universität eiere.
Im Keller ebenjeniger findet das zu nächtlicher Zeit angesetzte Briefing zum Surfkurs statt. Anwesenheit ist Pflicht, so stand es auf den Zetteln. Dort angekommen erwarte ich die Theorieschulung oder etwas ähnlich Geartetes. Ein zackiger, sonnengebräunter Glatzkopf stellt sich dann allerdings, während ich heldenhaft den ewigen Kampf gegen Morpheus für mich entscheide (Wer muß da noch !Troja! im Kino schauen? Die wahren Helden leben mitten unter uns.) vor der Gruppe auf, stellt die Vollzähligkeit fest, fragt allen Ernstes, ob es Nichtschwimmer unter uns gäbe, denn die könnten leider nicht mitmachen. Der Termin, das Pfingswochenende, wird noch einmal allen Anwesenden ins Gedächtnis gerufen. Und das war es auch schon. Danke fürs Kommen. Moment. Ich habe da etwas nicht mitbekommen, könnten Sie das wiederholen? Ich bin aufgestanden, nachdem ich es einmal fast in eine Tiefschlafphase geschafft hätte, bin ungeduscht und unrasiert durch die Nacht gejagt, während die kühle Morgenluft die mühsam angesammelte Bettwärme zur Gänze aus meinem Körper hinausgetrieben hat, und dieses Martyrium nahm ich auf mich wegen dieser Selbstbeweihräucherungsshow?
Ich überlege ernsthaft, ob ich den Knilch, der sich damit brüstet, immerhin schon seit 30 Jahren zu surfen, skalpieren sollte. Seine blanke, spiegelnde Kopfhaut würde sich gut an meinem Türrahmen machen und vorlaute Besucher frühzeitig einschüchtern. Die Vernunft kehrt wieder - wenigstens ging es schnell, jetzt rasch nach Hause, noch ein wenig ausruhen, bevor der Ernst des Tages beginnt. Es kommt, wie es kommen muß: Der Schlaf flieht, die Zeit rinnt mir durch die Finger, ich bin nicht klüger geworden, und niemals nie werde ich je wieder auf eine Vorbesprechung gehen. Wozu auch immer.