13.5.04


Nächtliche Zugfahrt oder "Wie ich lernte, Mannheim zu hassen"

Es gibt auch billige Zugverbindungen, wenn man sich nur auf die Suche nach ihnen begibt. Und so kann man auch mit kleinem Budget eine große Reise machen. Der Zug fährt beispielsweise in Wien los; eine Gruppe mittelalter Personen steht schon eine halbe Stunde vor der Abfahrt am Bahnsteig. Natürlich kann man trotz des warmen Wetters nicht an der frischen Luft warten, man versucht also, die abgesperrten Türen zu öffnen. Zunächst noch mit Feingefühl; da sich die Türe aber nicht öffnen lässt, wird man etwas rabiater und schlägt auch mit den Händen gegen das kalte Metallexoskelett, das uns alle nachher hoffentlich unbeschadet an unsere Destination bringen wird. Das ficht diese armen Seelen - oder doch eher Seelenlosen - nicht an. Ich trete näher an die Gruppe heran, die ich zuvor mit der Neugierde eines Affenforschers, der eine Gruppe Berggorillas im Mukabe-Nationalpark mit einigem Abstand verfolgt, beobachtet habe.

Ich lausche den Stimmen, die seltsam unverständliche Worte formen, bis es mich wie ein Schlag trifft. "Mannheimer", denke ich, und die Furcht kriecht kalt an meinem Rückgrat herauf. Nichts Gutes habe ich bislang von diesem Menschenschlag gehört, wenn es darum ging, Qualitäten von Mitreisenden zu beschreiben. Durch den Lärm angelockt, kommt der Zugbegleiter auf die Gruppe zu und erklärt ihnen, daß der Zug erst noch überprüft und danach geöffnet würde. Dieser Umstand, der jeden normaldenkenden Menschen beruhigen würde, scheint aber den Unmut in der Gruppe zu schüren. Die Herren der Schöpfung halten sich dabei sogar noch zurück, Wort- und Rädelsführer sind eindeutig die Frauen, die sich in der Altersgruppe 49 aufwärts bewegen. Ein gefährliches Alter, so will es mir scheinen.

Um meine Zeit der Qualen so kurz wie möglich zu halten, entferne ich mich von der wilden Horde, vertrete mir die Beine in der lauen Abendluft. Bei meiner Rückkehr an den Ort des Geschehens kann ich ersehen, daß die Zugtüren inzwischen geöffnet wurden, denn die Gruppe ist spurlos verschwunden. Ganz spurlos natürlich nicht, denn immerhin wurde die Alufolie, mit der die mitgebrachten Lebensmittel eingepackt wurden, quasi als Leuchtfeuer für all diejenigen, die das Grauen suchen, auf dem Bahnsteig zurückgelassen. Meine Vorfreude kennt keine Grenzen. Ich begebe mich in die Höhle des Löwens und besteige den Zug.

Natürlich ist das Glück mir nicht hold; die Mannheimer Truppe sitzt direkt hinter mir. Es ist also völlig unerheblich, daß es sich um einen Schlaf- und Ruhewagen handelt, an Schlaf wird nicht zu denken sein. Stattdessen bereite ich mich auf eine entnervende Nacht vor, die ich mit Lesen zu überbrücken denke. Noch bevor der Zug losfährt, kommt die Rede auf die essenstechnische Versorgung. "Isch hab' den Lebbäkäs' ja wirklisch gut gefunne.", sagt Frau Helga. Frau Moni dazu: "Wiä habbe ja gleisch sechs Semmeln mache lasse. Und nur hunnertzwanzisch Gramm. Für sechs Semmeln. Des sin' 20 Gramm Lebbäkäs' pro Semmel." Strahlend dreht sie sich zu ihrem Mann um. "Nischt wa', Häbbät?" Herbert schmunzelt und sagt: "Isch wollte ja da keine kauffe. Un' jetz' ägä isch misch. Des is' immä so." Moni bekräftigt das, nimmt dabei aber einen kräftigen Schluck aus der Prosecco-Flasche. Becher gibt es heute wohl keine.

Nachdem also klar geworden ist, daß Mannheimer durchaus auch rechnen können, geht es so ewig weiter. Die Qualität der Würstchen wird besprochen, das Schnitzel als Ausdruck der Lebensart. Kernöl, Senf und Marillenmarmelade - es gibt nichts, was es nicht gibt, das den probierfreudigen Gaumen von Moni, Helga und Frida entgangen wäre. Mannheim testet also Wiens Küche. Das sollte Wien Sorgen bereiten, denn das riecht nach kommender Invasion, und sei es auch nur eine touristische: Wien wäre für die zivilisierte Welt verloren.

Der Zug fährt. "Häbbät, willste ein Brötsche? Ein Käsebrötsche." Herbert ist sich nicht sicher. "Wissense, wie isch meine Käsebrötsche mache?" Frida ist interessiert. "Ein Brötsche, dann eine Scheibe Käse anstatt Buddä, dann eine Scheibe Käse, dann Schinge. Und dann nochmal Käse." Das ist zwar ein Käse-Schinken-Brötchen, und dann auch noch eines ohne Butter, meine Beste, aber das macht ja nichts. Das Käsebrötchen erlebt durch Helga eine Renaissance. Mal was anderes. Was ganz Neues. Frida und Moni applaudieren leise mit ihren rosigen Patschehändchen.

Durchsage des Zugführers: "Wir heissen Sie herzlich willkommen..." Blablabla. "Nächster Halt ist Mannheim." Aha, wir fahren also gerade aus Wien ab, und Mannheim ist der nächste Halt, das glaube ich kaum. Da gibt es ja noch Wiener Neustadt, St. Pölten, Linz, Salzburg, Rosenheim, München... Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Was wohl gesagt werden sollte: Mannheim ist der erste Halt, an dem einige Fahrgäste aussteigen werden. Dazu gehören wohl auch die Monster hinter mir. Trotzdem scheint diese Aussage des Zugpersonals den flachen Humor von Moni, Helga und Frida zu reizen. Nach etwa einer halben Stunde hält der Zug das erste Mal. "Hähä, Mannheim.", blubbern drei fröhliche Kehlen gleichzeitig. "Des ging schnell. Hähä." Ich danke Gott, daß Schußwaffen hierzulande verboten sind. Ich hätte sonst ein Massaker angerichtet. Stattdessen wende ich meinen Blick dem Buch zu, das auf meinen Knien ruht. Versuche verzweifelt, Helga, Moni und Frida aus meinem Hirn zu verteiben. Es ist zwecklos.

Der Zug fährt weiter. Es geht um die Krankheiten der Männer, in deren Begleitung die Damen unterwegs sind. Herbert leidet an Gichtanfällen, Heinz an Problemen mit der Prostata und Gerd hat manchmal so ein Herzstechen, das aber immer nur kurz dauert und dann spurlos verschwindet. Gerd scheint ein vernünftiger Mann zu sein, dem das Leben übel mitgespielt hat, als es ihm Moni zur Seite stellte. Wahrscheinlich hat er sie geschwängert und war dumm genug, sie dann auch zu heiraten. Er sagt nicht viel, ich kann es ihm nicht verübeln. Der tägliche Horror hat ihn stumm gemacht. Ich fühle mit ihm. Heinz geht mal aufs Klo, Frida tauscht vielsagende Blicke mit Helga aus: "Da geht er, des kann dauern." Es dauert tatsächlich. Sagenhaft.

Ich könnte ewig so weitererzählen, es fände kein Ende. Es wird über Kinofilme geredet ("Der Jesusfilm, des war ja saaagenhaft..."), über die Rentenreform, den Irakkrieg ("Die Araber, die sind ja alle selbst schuld...") und über die steigenden Arbeitslosenzahlen ("Früher hätt's sowas nich' gegeben. Abä füa uns is' des eh wurscht. Wiä habbe ja vorgesorcht."). Ich weiß nun, daß Moni in einer Ikea-Wohnung wohnt, Frida aber lieber bei Möbel Unger einkauft. Helga hat auch eine Wohnung in Frankfurt, wo man sie auch ruhig mal besuchen kann, sie hat eine Klappcouch - was genau sie dort macht, das habe ich dann wieder überhört. Aber es ist auch gleich. Gerd jedenfalls setzt sich im Laufe des Abends, der zu diesem Zeitpunkt schon späte Nacht genannt werden könnte, weiter nach vorne, um etwas zu schlafen. Moni stiefelt ihm schwer atmend hinterher: "Hähä, sin' mir jetz getrennt von Tisch und Bett?"

Run, Gerd, run...

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